• «Wirbellos»

«Wirbellos»

27.11.2020

Traditionen und Brauchtümer finden wir in allen Ländern dieser Erde. Auch viele Schweizerinnen und Schweizer pflegen ihre Bräuche – national, kantonal, vor allem aber auch regional. Sie tun das nicht nur unter grossem Aufwand und mit viel Herzblut, sondern auch freiwillig, entschädigungslos und notabene in ihrer Freizeit. Mit diesem persönlichen Engagement bescheren sie unserem Land eine enorme Reichhaltigkeit an kulturellen Anlässen und lebendigen Traditionen.

Ein in Zentraleuropa gepflegter, in der aktuellen Jahreszeit praktizierter Brauch ist das «Chlaus- Chlöpfen». Seine Entstehung liegt weit in der Vergangenheit. Laut Glauben in vorchristlicher Zeit öffnet sich zur Zeit der Wintersonnenwende das Totenreich. Dadurch treten die Seelen der Verstorbenen zutage und verfolgen die Lebenden. Durch das lautstarke «Chlöpfen» der Geisseln sollen diese bösen Winterdämonen vertrieben werden. Bei uns ist das «Chlaus-Chlöpfen» vor allem auch im Aargau, in der Region Lenzburg, bekannt. Dort schwingen in der Zeit von November bis Dezember die Kinder bei einbrechender Dunkelheit die «Chlaus-Geisseln». Gemäss neuzeitlicherer Auslegung soll durch das «Chlöpfen» der Samichlaus in seiner Höhle geweckt werden.

Dies war zumindest bisher so. Aber jetzt, in diesem Jahr, wo so vieles anders ist als sonst, will man diesem traditionellen Brauch offenbar zu Leibe rücken. So sollen verschiedene Unternehmen im aargauischen Seengen, die diese Tradition unterstützen, ein anonymes Schreiben mit folgendem Inhalt erhalten haben: «Das Chlöpfen respektive Knallen ist zur Unsitte geworden und erinnert zum Beispiel an Terroranschläge. Dieser heidnische Brauch gehört abgeschafft.» Und dann folgt sogleich auch das dicke Ende: nämlich die Drohung, dass Unternehmen in Seengen, die diesen Brauch unterstützen, künftig boykottiert werden sollen.

Abgeschafft gehört hier für mich nur eines, und das ist die anonyme Drohung. Wer kein Rückgrat hat und nicht zu seiner Forderung stehen kann, der soll es bleiben lassen. Und so oder so: Lassen wir es nicht zu, dass unsere Traditionen und mit ihnen auch unsere Geschichte verleugnet werden.

«Nur wer weiss, woher er kommt, weiss, wohin er geht.» (Theodor Heuss)

Markus Meier, Direktor HEV Schweiz